Sonntag, 9. November 2014

Vor 25 Jahren...

... war ich 6 Jahre alt und erlebte ein Tag und nachfolgende Wochen, die mich bis heute prägen und immer noch Gänsehaut und Tränen erzeugen. Ich bin in der DDR geboren worden. In einem Land ohne Freiheit.
Und ich frage mich heute schon den ganzen Tag, wer und was ich heute wohl wäre, wenn nicht dieses WUNDER passiert wäre. Vermutlich hätte ich nicht meinen Beruf selber wählen dürfen, aufgrund meiner Sozialisation wäre ich immer eine Außenseiterin gewesen und geblieben- nicht staatskonform, ich hätte nicht studieren können/ dürfen. Wer wäre ich geworden?
Wer wäre ich geworden, wenn sich nicht tausende Menschen friedlich zusammengetan hätten und "Wir sind das Volk" gerufen hätten? Wer wäre ich geworden, wenn es keine Montagsdemos gegeben hätte? Wer wäre ich geworden, wenn keiner daran geglaubt hätte, dass viele kleine Leute an vielen kleinen Orten das Gesicht der Welt verändern können?

Voller Dankbarkeit blicke ich heute auf die Zeit damals zurück.
Ich kann mich an den 9.November 1989 und die nachfolgenden Tage erinnern. Ich erinnere mich an meinen Vater, der überwältigt in unseren Garten gegangen ist und auf seiner Trompete "Einigkeit und Recht und Freiheit" gespielt hat. Ich erinnere mich an eine bewegte Zeit. Als sechsjährige nimmt man natürlich sowas wahr und auf. Ich erinnere mich an meinen ersten "West-Spielzeugladen" (Wollt ihr die Geschichte lesen?).

Heute noch kommen Tränen und Gänsehaut, wenn ich die Bilder von damals sehe. Als Kind habe ich die Ausmaße und Zusammenhänge nicht verstanden. Aber ich habe gespürt, dass etwas Großes passiert ist. Und das ohne Gewalt. Die friedliche Revolution- das ist mein Lieblingswort dafür. Fast einmalig in der Geschichte. Ganz tief in mir verankert ist die Sehnsucht und auch das Wissen, das es möglich ist, (kleine) Dinge auf der Welt zu verändern. 
Ich bin in einer Familie aufgewachsen, in der man sich gewehrt hat. Nicht massiv, aber gewehrt. Ich kann mich an Demos erinnern, auf die wir mit meinen Eltern gegangen sind. Ich erinnere mich an Kerzen, die wir angezündet haben.
Sollte ich jemals Kinder haben, dann wünsche ich mir, dass meine Kinder auch aufwachsen in einer Familie, in der nicht alles hingenommen wird, in der man zu seinen Werten und Überzeugungen steht und das auch echt und authentisch lebt und dadurch auch Vorbild ist. So wie meine Eltern. Und das wird abfärben und dann passiert vielleicht das, was mit meinen Schwestern passiert ist. Zu Hause habe ich dann mit meinen Schwestern "Demo" gespielt. Wir sind um den Küchentisch gezogen und haben laut gerufen "Wir sind das Volk".

Kommentare:

  1. Danke auch dir für diesen persönlichen Einblick! Irgendwie interessant, wie unterschiedlich unsere Blicke auf die Wende doch sind und wie wir doch zum selben Ergebnis kommen.

    Liebste Grüße,
    Katja

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  2. Wirklich sehr schön geschrieben! Vielen Dank, dass du deine Erinnerungen mit uns teilst.

    Liebe Grüße
    Anika

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  3. Ja.....was wäre wenn.....ich hätte meinen Mann nicht. Er "Ossi", ich "Wessi"....uuuuuuuund meine beiden tollen Kinder hätte ich dann auch nicht.....;(
    Neeeee......es ist gut so, wie es ist. Punkt. (Obwohl es doch immer noch einige gibt, die das anders sehen!!!)
    Liebe Grüße
    Anke

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  4. Sehr schön geschrieben.
    Viele deiner Erinnerungen kann ich teilen, andere wusste ich nicht mehr, oder hatte sie schon wieder vergessen.
    Je älter ich werde, umso erschreckender finde ich das, was in meiner Kindheit Realität war: dass es tatsächlich Menschen gab, die der Meinung waren, dass man Menschen in ein Land einsperren kann und dass man tatsächlich einfach eine Mauer drumrum zieht. Und da ist es erstmal nebensänlich auf welcher Seite der Mauer man lebte. Denn man hat ja gewissermaßen auch die Bundesbürger eine gewissen Freiheit entzogen: die Freiheit ihre Verwandten in der DDR so oft und so viel zu sehen und zu besuchen, wie sie wollen. Die Freiheit ihnen vertrauliche Briefe zu schicken. Die Freiheit, in der DDR Urlaub zu machen, weil der Thüringer Wald/der Harz/die Mecklenburger Seenplatte/die Ostsee ja auch schöne Urlaubsziele sind, OHNE dabei bespitzelt zu werden....und so weiter. Die absurde Idee einer Mauer wird für mich von Jahr zu Jahr - ja wirklich - absurder.
    Für mich ist das Vorhandensein, bzw. Nicht-Vorhandensein der Mauer, also einfach die Präsenz derer, in meiner Kindheit aber so normal und alltäglich gewesen, auch und gerade nach dem Mauerfall, dass ich jetzt erst allmählich die Tiefe und die Bedeutung so richtig verstehe. Wie oft haben wir im Auto den Satz gehört: "Jetzt fahren wir über die Grenze"/"Hier war früher die Grenze!" und es ist für mich nicht vorstellbar, dass es Menschen gibt, die von so einer Grenze heute keine Notiz mehr nehmen.
    Ich jedenfalls erzähle meinen Kindern auf entsprechenden Autofahrten jetzt auch schon immer: "Hier war früher die Grenze!". Das werden sie nicht verstehen, aber ich will, dass sie mit dem Bewusstsein aufwachsen, dass es da mal lange Zeit vor ihrer Geburt eine Mauer gab, die Deutschland absurderweise getrennt hat. Und dass es ein Segen (nicht nur ein Glücksfall, sondern ein Segen!) ist, dass es diese nicht mehr gibt. Und auch nie wieder geben darf.

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  5. Wunderschöne Erinnerung und es ist wunderbar das wir alle nun in Freiheit leben können.
    Man da bläst der Papa auf der Trompete, wie toll ist das den.
    Lese mich gerade durch alle Artikel dieser tollen Blogparade und es ist wirklich sehr schön von einzelnen Menschen dieses Erlebnis anders zu sehen und nochmals zu entdecken. Habe meinen Beitrag gestern auch noch dazu veröffentlicht.
    Grüsse sendet Daniela

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  6. Vielen Dank für das teilen Deiner Eindrücke.
    Und ja: Wir sind das Volk! Zum Glück!
    Viele Grüße
    Suse

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