Dienstag, 11. Juni 2013

Gelesen // Camon Wright: Briefe für Emily

Liebesgeschichte. Familiendrama. Aber vor allem ganz viel Lebensweisheit.
Harry hat Demenz (zumindest hat das mal ein Arzt diagnostiziert…). Nach seinem Tod wird seine Gedichtsammlung und eine Diskette gefunden. Auf der Diskette finden sich Briefe an seine Enkelin Emily, die sind aber mit einem Passwort gesichert. Das Passwort ist jeweils in einem der Gedichte von Harry versteckt. So beginnt eine Reise in die Vergangenheit von Sohn und Tochter und der Schwiegertochter. Sie begegnen einem Vater in den Briefen, den sie so nicht kennengelernt haben… Mehr will ich gar nicht verraten. „Briefe an Emily“ lohnt sich zu lesen, die Briefe von Harry stecken voller Lebensweisheit und haben Lachen und Weinen bei mir ausgelöst.
Meinen Lieblingsbrief habe ich euch abgetippt und macht euch vielleicht Lust auf mehr. Ich wünsch es euch :)

„Meine liebe Emily,
hast du dich schon mal gefragt, welcher Unterschied zwischen einem Schokoladensouffle und einem Schokoladenpudding besteht? Ich weiß, die Frage klingt verrückt, aber wenn du weiterliest, wirst du mich schon verstehen.
Als Student habe ich im „David Angela“ gejobbt, einem ziemlich vornehmen Restaurant. Die meisten Desserts, die auf der Speisekarte standen, wurden als Tiefkühlprodukte fertig gekauft, aufgetaut und den Gästen als frisch zubereitet vorgesetzt. Aber das Schokoladensouffle wurde tatsächlich jedes Mal von uns frisch gemacht. Es war ein altes Familienrezept und eine Spezialität des Hauses. Das Soufflé wurde auf einem weißen Teller serviert und mit Schokoladen- und Himbeersoße, weißen Schokoraspeln und ein wenig Puderzucker garniert. Allein der Anblick ließ einem das Wasser im Mund zusammenlaufen. Auch ich habe, während ich in dem Restaurant arbeitete, gelernt, es zuzubereiten. Kannst du dir das vorstellen? Dein Großvater in der Küche beim Kochen? Allein der Gedanke ließ Kathryn erschauern. Nachdem wir geheiratet hatten, verbannte sie mich aus der Küche. Als Grund gab sie an, ich würde nie aufräumen, aber in Wirklichkeit lag es daran, dass mein Schokoladensouffle ihres in den Schatten stellte.
Einmal habe ich Kathryn beim Friseur abgeholt, wo sie sich eine kunstvolle Frisur hatte machen lassen – etwas, was ich ehrlich gesagt, nie begriffen habe. Wie kann man nur Geld dafür bezahlen, dass jemand einem die Haare komisch auftürmt, sodass man tagelang nicht bequem schlafen kann vor lauter Angst, sich die Frisur zu ruinieren? Seltsame Sitte. Jedenfalls war sie noch nicht fertig, und während ich wartete, habe ich in einigen Zeitschriften geblättert. Da es keine Gartenzeitschriften gab, nahm ich mir eine mit Kochrezepten vor und blätterte sie durch. Plötzlich entdeckte ich ein Rezept für Schokoladenpudding. Jawohl, Schokoladenpudding. Nicht die Sorte, die man aus einem Fertigpulver anrührt, sondern ein richtiges Rezept. Beim Lesen fiel mir auf, dass man genau die gleichen Zutaten brauchte wie für das Soufflé, das ich früher in dem Restaurant gemacht hatte. Der einzige Unterschied lag darin, wie die Zutaten verarbeitet wurden, wie lange man die Masse schlagen musste und wie das Dessert garniert wurde.
In diesem Augenblick sagte ich mir, meine liebe Emily, dass das Leben so ähnlich ist wie gute Küche. Die Zutaten, die uns mit auf den Weg gegeben werden, sind oft die gleichen, die auch andere erhalten. Der Unterschied liegt in der Verarbeitung der Zutaten, der aufgewendeten Zeit und der Art der Präsentation. Die einen kochen einen Pudding, während andere sich ein bisschen mehr Zeit nehmen, sich etwas mehr Mühe geben, ihre Kreationen geschmackvoll präsentieren und auf diese Weise etwas Außergewöhnliches herstellen.
Also, geh in die Küche, Emily, nimm die Zutaten, die dir auf deinen Lebensweg mitgegeben wurden, und bereite deinem Opa ein köstliches Schokoladensouffle.
In Liebe, dein Opa Harry.“

Schön und weise, oder???

Kommentare:

  1. Würde ich mir gern mal von dir borgen.
    Gudrun

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  2. Das Buch ist toll. Ich habe gelacht, geweint, geschmunzelt ....
    Der Brief hat mich an all das erinnert... Ich hol jetzt umgehend das Buch aus meinem Regal
    und lege es auf meinen Nachttisch, um es demnächst noch einmal zu genießen =)
    LG Tanni

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